Achterwasser

Die Ruderei ist bekanntlich eine schöne, wenn auch in der breiten Öffentlichkeit wenig beachtete Angelegenheit. Lediglich beim Deutschlandachter hören viele auf; ja, da klingelt was. Die Königsklasse beim Rudern hat einen besonderen Status und seinen ganz eigenen Reiz. Meinen auch wir TRGler. Und so hatte eine Handvoll Unverzagter zur allgemeinen Verwunderung und anfänglicher Skepsis im Verein vor zwei Jahren die Riemen abgestaubt und den fast vergessenen TRG-Rennachter bis zur Regattatauglichkeit getrimmt.

Mit der Zerstörung unseres Steges Anfang Januar 2018, mutmaßlich durch eine Schubeinheit, schien zunächst jede Hoffnung auf Rudern im Allgemeinen und Achterrudern im Besonderen begraben. Allerdings machte sich recht bald eine kämpferische „Jetzt erst recht“ Stimmung breit. So einfach wollten wir nicht kapitulieren und den Schwung, der im Verein Einzug gehalten hatte, am Leben erhalten.

Mit der Frühregatta in Rüdersdorf im Mai 2018 nahm das Projekt Rennachter dann erstmals wieder Fahrt auf: Masterstrainer Falk überzeugte in seiner typisch motivierenden Art einige mehr oder weniger achtererprobte Ahnungslose, sich einem Rüdersdorfer Mix-Achter spontan im direkten Vergleich zu stellen. Ganz ohne Training, in einem geliehenen Boot und ohne Erfahrung auf den kurzen Distanzen! Wenn es drauf ankommt, kneifen wir nicht!

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Trotz der folgenden unvermeidlichen Nahtoderfahrung auf den mit 1000 m und 350 m ungewohnt kurzen Sprintstrecken packte uns der Ehrgeiz. Würden wir es vielleicht sogar schaffen, einen TRG-Männer- UND einen Frauenachter an den Start zu bringen? Als langfristige Ziele wurden die Langstrecken im Herbst bei „Quer durch Berlin“ und der „Silberne Riemen“ ins Visier genommen. Zunächst blieb es jedoch beim Umkleidekabinengemunkel denn es kam der Supersommer 2018…

Im Mai zog ein durchaus beeindruckender Bootstransport und eine Rekordteilnehmerzahl an TRGlern ins schöne Zernsdorf wo sich vier Tage lang alle auf und im Gewässer rund um den gastfreundlichen ortsansässigen Ruderverein austoben konnten. Trainingslager nennen wir das und es ist inzwischen zu einer schönen Tradition geworden. Falk hatte ein ordentliches Programm ausgetüftelt und verschaffte mit einer Gewalttour am Donnerstag einen Vorgeschmack auf die folgenden Tage. Morgens um 5:30 Uhr säuselte er mit Engelszungen die ersten Ruderwilligen des Tages in den Sonnenaufgang hinaus (ist man erstmal auf dem Wasser, verzeiht man ihm eigentlich alles!), gab einen Grundkurs im Bootstrimmen und war auch sonst für fast jedes Abenteuer zu haben. Abends wurden bei Gegrilltem und isotonischen Getränken alte Heldengeschichten und Legenden erzählt…. Die Wanderruderer erkundeten das schöne Seengebiet und alle pflegten nach vier Tagen einen beneidenswerten Teint und einen schönen Rhythmus aus Rudern, Essen, Baden und Rudern. So ein Trainingslager ist natürlich die perfekte Gelegenheit in Ruhe an der eigenen Rudertechnik zu arbeiten und sich auch mal in bislang ungewohnte Bootsklassen zu wagen – wie den 4-, den 2- oder das kippelige Skiff.

Ende August schließlich ließen sich die anstehenden Herbstregatten nicht mehr länger ignorieren und wir machten mit unserem ehrgeizigen Vorhaben der zwei Rennachter Ernst. Cornelius und die Verfasserin schulterten die Herausforderungen der Trainingsorganisation eines Männer- bzw. Frauenbootes, wobei sich zeigte, dass Flöhe hüten allenfalls einfacher ist als acht Ruder-/innen und Steuermann für ein halbwegs regelmäßiges Training zu koordinieren. Trainer/ Steuermann Maik und die Verfasserin tippten und doodleten sich zeitweise fast ins Delirium.

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Kurzerhand wurde unser eigener Rennachter Berlin samt Riemen zur RG Wiking transportiert und dort für das Männertraining zwischengelagert. Bei der Trainingssteuerung des Frauenachters halfen die Sportler aus Maiks Trainingsgruppe tatkräftig mit. Im Rahmen der Pflege bilateraler Beziehungen zum TiB, wo auch ein passender verwaister Rennachter lag, verlagerte sich der Trainingsschwerpunkt der Riemenfrauen dorthin. Aus dem guten alten Stück ruderten wir in den kommenden Wochen noch die allerletzte Spinne heraus. Nach und nach nahm der erste Frauenachter der TRG Fahrt auf…

Es ist ein erhabenes Gefühl in das große Boot zu steigen; wenn sich acht Riemen im Gleichtakt nach dem Rhythmus der Schlagfrau heben und senken und der Achter majestätisch über das Wasser gleitet. Ach wäre es doch nur so einfach! Was bei den Profis spielend leicht aussieht, ist harte und teilweise frustrierende Arbeit – der Achter ist ein launisches Boot!

Maik, in Personalunion Trainer und Steuermann, mühte sich gemeinsam mit Trainer Stephan K. durch Höhen und Tiefen der folgenden Wochen. Mal lief es ganz gut, meist weniger gut – immer hing irgendeine Seite, immer drehte jemand nicht rechtzeitig auf, meckerte zu viel oder hebelte zu wenig. Das Boot kippelte und schlingerte über die Spree. Fortschritte gab es nur in homöopathischen Dosen. Irgendwann aber platzte der Knoten und das Training machte richtig Freude.

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Am 6. Oktober 2018 lagen tatsächlich zwei Achter der Treptower Rudergemeinschaft am Start der Regatta Quer durch Berlin. Steuermann Maik navigierte unser Frauenboot, verstärkt durch Clara Aign vom BRC Ägir und Lea Thiede vom RC Potsdam mit Übersicht und strategischer Ruhe durch die Kanäle und Brückenbögen der Spree. Im Ziel waren wir alle begeistert und stolz und freuten uns umso mehr auf die eine Woche später anstehende Regatta Silberner Riemen, quasi eine Heimveranstaltung.

Auch bei dieser Regatta starteten unsere zwei TRG Achter, das Frauenboot wieder mit Unterstützung durch Lea Thiede vom RC Potsdam. Bei hochsommerlichen Temperaturen ging es vom Zenner vorbei an unserem eigenen Bootshaus zum RV Wiking. Danach waren wir alle noch begeisterter und stolzer über das, was wir in wenigen Wochen geschafft hatten und hoffen nun auf eine tolle Achtersaison 2019.  Im Winter wird fleißig Verstärkung akquiriert und an der Athletik und Kraft gefeilt.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass eine wachsende Zahl an Teilnehmern im Junioren- und Mastersbereich den Start bei Ruderregatten wagt. In den Achtern saßen Senioren und Masters gemeinsam im Boot. Für das Zusammengehörigkeitsgefühl im Verein ist das eine sehr schöne Entwicklung die wir weiter pflegen und ausbauen wollen.

Und wenn uns das Jahr 2019 mit einem neuen Steg beglücken sollte, wäre das (Ruderer-) Leben nahezu perfekt am Baumschulenweg in Berlin-Treptow.

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Autorin des Artikels: Ulrike Urbatzka

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