Zwischen den Beinen oder in den Beinen – vom Achtertraining

Jeder Mensch, der schon mal die Bootshalle eines Rudervereins von Innen gesehen hat, weiß: Hier liegen einige Boote, die toll und neu aussehen und viel gerudert werden. Und es gibt andere, die eher alt, schwer und klotzig wirken und dementsprechend eher selten gerudert werden. Dann gibt es noch die kleinen Boote – 1er und 2er – und es gibt in eigentlich jeder Bootshalle die großen, ja, die richtig großen Boote. Die Achter. Und genauso ist es auch bei der TRG: Alle werden begrüßt vom C-Doppelachter „Deutschland“ und zwei Lagen drüber der „Berlin“, einem ehrwürdigen Empacher Renn-Riemenachter, der in grauer Vorzeit sogar von Olympia-Goldmedaillen-Siegern gerudert wurde – so erzählt man’s sich zumindest mittwochabends beim Vereinstag. Die staatstragenden Namen dieser beiden Boote verleihen ihnen zweifelsohne – neben ihrer schieren Länge – zusätzliche Aura, vielleicht sogar etwas zuviel davon. Während die „Deutschland“ recht regelmäßig Spreewasser unter den Kiel kriegt, fristete die „Berlin“ in den letzten Jahren eher das Schicksal eines Ausstellungsstücks. Einmal im Jahr, im Zeitraum September-Oktober, erbarmten sich acht Skuller*innen, befreiten das gute Stück von seinen Spinnweben und traten bei den Regatten “Quer durch Berlin” oder “Silberner Riemen” an – teilweise mit beachtlichen Ergebnissen.

(Danke an Sina für das tolle Video!)

Da die TRG ein lebendiger und recht dynamischer Verein ist, fand sich im vergangenen Frühjahr eine Gruppe an Leuten, die sich zum Ziel setzte die „Berlin“ in Schwung zu bringen, mit ihr zu trainieren und die eigenen Riemen-Fähigkeiten in und mit dem Boot regelmäßig zu schulen. Die Gruppe wuchs und wuchs und schnell waren es um die 16 Leute, die die Lust und auch den nötigen Ehrgeiz mitbrachten, um dem Ziel das Boot ordentlich zu rudern näher zu kommen.

Das Riemen-Rudern wurde Bestandteil des wöchentlichen Trainingsprogramms und nicht selten ging der Achter zweimal die Woche raus. Barbara setzte sich mit der CoxBox ans Steuer, Andreas und Teo kümmerten sich um die Trainings-Planung und Falk brachte sein umfangreiches Trainingswissen ein. Dazu eine Gruppe an Ruder*innen, die in Sachen Erfahrung unterschiedlicher kaum sein könnten: Von Leuten, die noch nie zuvor in einem Riemenachter saßen, bis zu Deutschen Meistern. Skuller*innen, die in ihrer Jugend hunderte Regatten gerudert sind, und Ruder*innen, die vor einem Jahr das erste Mal in einem Ruderboot saßen. Eines hatten sie alle gemein: Riemen-Achter ist in den letzten Jahren keine*r von ihnen regelmäßig gerudert. Eine gute Grundlage also um loszulegen. Und irgendwann im Juni sagte Barbara dann das erste Mal: „Von vorn. Und ab!“

Und es wurde – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Auf und Ab. Zunächst, na klar, erstmal Ab. Mal hing das Boot nach Backbord, dann wieder nach Steuerbord. Wir rollten zu schnell nach vorne, hebelten nicht ordentlich aus dem Wasser, setzten die Riemen aus dem Oberkörper (nicht aus den Armen) und tauchten die Blätter weder gemeinsam ein noch aus. Dann waren die Blätter auch mal zu tief im Wasser, Steuerbord führte die Riemen beim Vorrollen zu hoch (irgendwann auch Backbord) und und und. Puh. Ja, die meisten von uns hatten sich das einfacher vorgestellt. Aber trotzdem: Mit jedem Training arbeiteten wir uns voran, wir lernten als Team immer mehr Dank guter Feedbacks und dem gemeinsamen Willen dieses Boot, die „Berlin“ mit dem großen Namen, ordentlich hinzustellen und zu rudern. Von Woche zu Woche und Monat zu Monat wurde es besser. Regelmäßig wurde auch der Riemen-Vierer, die „London“ (4-), gerudert. Einige wenige trauten sich sogar mit dem Zweier „Seehund“ (2-) raus. Nach der Sommerpause trainierten wir gelegentlich auch am Wochenende mit Trainingsbegleitung aus dem Motorboot von Maik oder Stephan. Wir lernten, wurden besser und hatten das Boot irgendwann ganz okay im Griff.

So wurde es September und die großen Oktober-Regatten – Quer durch Berlin und Silberner Riemen – standen an. Natürlich wollten wir an den Rennen teilnehmen; zwar ohne der Hoffnung gegen die Achter-Raketen von Wiking oder Arkona was ausrichten zu können, aber trainieren ohne Regatta ist brotlose Kunst. Unter Wettkampfbedingungen wollten wir unser Team antreten lassen. Doch das sollte uns so nicht vergönnt sein.

Unsere Gruppe trainierte von Beginn an geschlechterübergreifend. Frauen saßen genauso im Boot wie Männer. Alle waren mit gleichem Einsatz, Freude und Enthusiasmus bei der Sache. Und das sollte auch nie anders sein, denn im Gegensatz zu anderen Ruder-Clubs, rudern bei der Treptower Rudergemeinschaft Tag für Tag Männer und Frauen gemeinsam, nicht getrennt. In unseren Booten spielt es keine Rolle, welches Geschlecht ein Mensch hat. Ums Rudern geht’s.

Leider mussten wir feststellen, dass diese Geschlechterpolitik zum Beispiel bei der Regatta „Quer durch Berlin“ so noch nicht existiert. Laut den Regularien mussten wir uns entscheiden: Männer-Achter oder Frauen-Achter. Plötzlich zählten nicht mehr ruderische Fähigkeiten oder sonstige sportliche Kriterien für die Achter-Besetzung, sondern das Geschlecht. Es machte sich teamintern Ärger über diese Regelung breit, die die meisten von uns als Zumutung empfanden. Und auch auf die Gefahr mich bei den Ausrichter*innen der Regatta unbeliebt zu machen: Diese Regelung ist sexistisch. Und sie gehört abgeschafft. Es mag für einige Vereine oder Verbände immer noch so funktionieren, mit dem Vereinsleben und Ruderalltag der TRG hat diese Regelung in meinen Augen nichts zu tun und ist dementsprechend ein Ärgernis. Ab dem kommenden Jahr sollten hier geschlechterübergreifende Bootsbesetzungen, die bei vielen anderen Regatten bereits an der Tagesordnung sind, ermöglicht werden. Das ist nicht kompliziert, niemand bricht sich einen Zacken aus der Krone, der Sport bleibt immer noch toll, alles ist gut. Bitte, geschätzter LRV, ändert das. Es geht beim Rudern doch nicht darum, was man zwischen den Beinen, sondern was man in den Beinen hat!

Die Folge dieser Regelung war für die Gruppe erstmal ein trotziges Nachdenken über angemessene Protestformen. Sollten wir einfach trotzdem so antreten, wie wir es richtig finden und eine mögliche Disqualifikation, wie in den Vorjahren bereits bei anderen Vereinen geschehen, in Kauf nehmen? Oder statt Vereinskleidung T-Shirts mit Slogans zur Gleichberechtigung tragen? Ein Männer-Boot mit Langhaar-Perücken?

Wir entschieden uns vorerst dazu dieses Thema eher leise als laut zu behandeln und auf dem Weg persönlicher Verbindungen unseren Unmut zum Ausdruck zu bringen. Das alles in der Hoffnung, dass sich zum nächsten Jahr was ändert.

Am kommenden Samstag wird nun die „Berlin“ als reiner Herrenachter an den Start gehen mit Andreas, Cornelius, Falk, Micha, Ronald, Stephan, Teo, Till und Barbara als Steuerfrau (trotzdem ein tolles Team!). Franzi, Kati, Laura, Rike und Ulrike werden mit einem gesteuerten Doppelvierer an den Start gehen.

Nach der Zielankunft am Haus der Kulturen der Welt werden wir alle miteinander anstoßen – übrigens auch, und das soll hier nicht unerwähnt bleiben, mit den Starter*innen der weiteren TRG-Boote und den wichtigen Helfer*innen: Anke, Carl-Friedrich, Claus, Donate, Gunnar, Heike, Karen, Karin, Kerstin, Lea, Laura, Leon, Maik, Marlena, Marion, Matthias, Nicu, Nico, Sven, Uschi und Yannick.

Auf tolle Rennen!

Cornelius

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Eine Antwort auf Zwischen den Beinen oder in den Beinen – vom Achtertraining

  1. Matthias Mehl-Uderhardt sagt:

    Hallo Treptower
    Also ich muss sagen ein sehr guter Artikel und wunderschönes Video. Schön zu hören das bei euch wieder fleißig geriemt wird. Das ihr bei QdB nicht gemischt antreten könnt ist ja schei…, aber schon mal vormerken. Anfang August findet bei uns in Rüdersdorf immer “Der König vom Kalksee “statt. Eine reine Achterregatta und wer im Boot sitzt ist egal. Hauptsache wir haben Spaß beim rudern und anschließend bei einer lustigen Party. Gerudert werden 350m, ähnlich dem Modus der RBL.
    Euch viel Erfolg und Spaß bei QdB und dem silbernen Riemen.
    Bis bald Matthias und immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel

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