Die Butterberge von Prieros – Das Trainingslager (2.-5.6.2017)

Rudern ist ein wundervoller Sport. Ja, darauf können wir uns schnell einigen. Frühmorgens flüssig durchs spiegelglatte Wasser zu gleiten, im Rhythmus der Mannschaft ruhig durch die Natur zu sausen, in – auch übertragenen Sinne -  Balance mit sich und seiner Umgebung.

Herrlich. Man kann kaum genug davon bekommen.

Doch das ist ja nichts Neues. Alter Tobak, tausend mal gehört. Langweilig. Darum lassen wir uns doch mal ein auf die Poesie des gesamten Ruder-Rituals. Beschäftigen wir uns mit den vermeintlichen Banalitäten, die dieser Sport so mit sich bringt. Dem wahren Alltag der Ruderinnen und Ruderer. Denn, ja, geneigte LeserIn: Es gibt sie, die vielzitierte Kehrseite der Medaille. Qualen, die man über sich ergehen lässt. Schmerzen. Blasen an den Händen, zu wenig Schlaf, krachende Rückenwirbel beim Schleppen irgendwie doch zu schwerer Boote. TrainerInnen, die nochmal „10 Harte“ wollen. Schlagmänner/-frauen, die kein anderes Ziel als eine 30er-Fequenz haben. Stundenlanges Ab- und Anriggern. Endlose Kommando-Folgen. Dann wieder: 10 Harte. Wind. Regen. Wellen. Schmerzen im Hintern. 10 Harte. Hunger. Und die immer wiederkehrende Enttäuschung, dass Hirschtalg kein Allheilmittel ist.

Und was eignet sich demnach besser für einen weitgreifenderen Blick auf das Gesamterlebnis Rudern als ein Bericht über ein Trainingslager der Treptower Rudergemeinschaft? Richtig. Nichts.

Also: Ein Trainingslager ist nur dann ein Trainingslager, wenn alles, wirklich alles, was der Rudersport bietet, in kürzester Zeit vereinigt und erlebbar wird. Und wenn man sich – so viel sei hier vorweggenommen – schon am Tag der Abreise aufs nächste Jahr freut. „Vorfreude bei all den Qualen?“, fragt man sich nun völlig zu Recht … Ja. Doch der Reihe nach.

Am Mittwoch vor der Abreise ins Trainingslager wurden erst einmal die Boote verladen. Auf dem bis oben vollgepackten Hänger lagen irgendwann die Rennboote Heinrich Schröder und Magdeburg (4x-), London (4-), Köpenick und Athen (2x-), Seehund (2-), die drei Skiffs Charon, Pelikan und Asterix und die Gig-Boote Dahme (4x+/5x-), Oder (4x+) und Liebesinsel (2x-).  Mit viel Gehieve und Gezurre und einem zugkräftigen Leihwagen wurde der vielleicht größte Bootstransport der TRG-Geschichte möglich. Schließlich brauchten 26 TRGlerInnen einen ruderbaren Untersatz. Zum Glück gab es nach den Verladestrapazen Riesencurrywurste und selbstgemachte Pommes von Maik.

Und am Freitag ging es endlich los nach Prieros, einige Kilometer südöstlich von Berlin. Tschüss Bootshaus. Hallo Kinder-, Jugend- und Familienlager („KJF“) – idyllisch gelegen inmitten eines Kiefernwäldchens mit Badestelle. Für die TRG reserviert: Haus 11, die KITA-Unterkunft, mit einem 12er-, einem 8er-, einem 2er-Zimmer, dem Gemeinschaftswasch- und WC-Raum mit Waschbecken auf Kinderhöhe und nicht abschließbaren WC-Kabinen und dem einen Rückzugsort: ein kleines Bad mit Dusche und WC, abschließbar. Sowie Haus 10, ein Bungalow mit zwei 6er-Zimmern ohne Bad/WC und einem weiteren 2er-Bungalow, den sich Miriam und Carsten vorsorglich reserviert hatten. Bei der Verfasserin kamen Erinnerungen an Jugendferienlager in den 1990ern im Rheinland hoch, Falk stellte schnell vergnügt fest: „Das ist hier alles so Brandenburg!“. Wie auch immer, dann kann’s ja losgehen. Boote abtakeln und entladen, anriggern, nur drei Riggerschlüssel dabei, Mist, aber zum Glück war ja Matthias mit seinen Akkuschrauber zur Stelle. Rrrr Rrrrrrrr.

So langsam trudelten alle ein, so langsam knurrten auch die Mägen. Aber kein Maik da mit Currywürsten, stattdessen ein banger Blick auf den zur Verfügung gestellten Mini-Grill und die exakt abgezählten Portionen: Ein Klecks Gurkensalat, ein Klecks Kartoffelsalat, eine Mini-Bulette und ein Grillwürstchen pro Person. Werden wir jemals satt werden? Blanke Angst griff um sich, geweitete Pupillen, hysterisches Festhalten am Bierflaschenhals. Dann sprach irgendwer die Frage aus, die sich alle stellten: Werden wir dann beim Frühstück jeder nur eine Scheibe Graubrot und eine Tasse Hagebuttentee bekommen…? Eine bange Nacht voller Albträume folgte. Doch am Morgen die Erlösung. Sollte sich jemals jemand fragen, wo sich eigentlich der ominöse Butterberg befindet, erhält nun die Antwort: In Prieros. Gleich neben dem Brötchen-, Brot-, Wurst-, Käse- und Marmeladenberg. Es war ein reines Frühstücksgebirge, auch Milch und Kaffee flossen in nicht versiegenden Strömen. Seufzen. Dankesrufe. Halleluja! Die Stoßgebete wurden erhört. Und das war auch dringend nötig, denn die erste Rudereinheit im Morgengrauen hatte es bereits in sich. Ja, richtig, Morgengrauen.

Pünktlich um 5.30 Uhr klopfte Falk an alle Zimmertüren. Zähne putzen, Wasserflasche befüllen, am Bootsplatz treffen. Ach ja, der Bootsplatz!

Für sich genommen ein schönes Fleckchen Erde, eine Lichtung zwischen den turmhohen Kiefern. Wäre da nur nicht das Problem, dass das zu berudernde Gewässer (Dahme mit vollem Namen) von dort allenfalls zu erahnen, aber leider nicht zu sehen war. Also: Zuerst durchs Kiefernwäldchen, dann über den Asphaltweg, zwischen Wippe und Birke durch den Sand, außen um die Mauer drumrum und Richtung Wasser. In Prieros wurde eine neue Sportart geboren: Wanderrudern erhielt angesichts dieses Weges eine ganz neue Bedeutung.

Am ersten Tag sah das noch so aus: Mannschaft ans Boot, Boot geht hoch, über Kopf, und los. Ächzend erreichte man gefühlte Stunden später das Wasser. Am zweiten Tag dann: Mannschaft ans Boot, Boot geht hoch, über Kopf, ooh nee, schnauf, doch nicht, wieder ab, in die Hände, und los. Am dritten Tag: Mannschaft ans Boot, Boot geht, ächz, hoch. Ach, komm, egal. Los.

Am Badestrand angekommen schnell die Badelatschen ausziehen und das Boot barfuß zu Wasser lassen. Steg? Fehlanzeige. „Zu Wasser“, galt nicht nur für die Boote … Dann: Das Überqueren der Nichtschwimmerleine. Arrrrrr. Warum, Rudergott, schickst Du uns eine Nichtschwimmerleine?! Zum Rudern, nicht zum (Nicht-)Schwimmen sind wir hierher gekommen! Doch die Lösung war schnell gefunden – Bug inklusive Steuerruder und Finne über die Leine führen. Spätestens jetzt war das letzte Quentchen Müdigkeit aus den Gliedern getrieben, denn dieses Prozedere bedeutete jeden morgen um 6 Uhr: Erster Vollkontakt mit dem kühlen Nass der Dahme. Und zwar bis zum oberen Teil des Oberschenkels, ja, genau, inklusive dem Bereich des Körpers, wo es anfängt richtig kalt zu werden. Dann Skulls/Riemen einlegen, einer nach dem anderen aus dem Wasser ins Boot kraxeln, Beine abtrocknen, Sand beseitigen. Und ab.

Die Rudereinheiten gestalteten sich bei bestem Wetter (na gut, den Sonntag klammern wir zu Gunsten der romantischen Erinnerung mal aus) hauptsächlich so: Die Doppelvierer versuchten eher technisch zu trainieren („Hin Technik, zurück ballern.“). In der Regel flankiert vom graziös über das Wasser sausenden Hans in der „Charon“ – in Sachen Eleganz eine echte Konkurrenz zu den Prieroser Schwänen. Die Wanderruderteams erkundeten unbekannte Gewässer (abends floss traditionsgemäß das Neuwasser-Bier). Und dann gab es noch den dritten, wichtigen Teil des Trainingslagers: Das „Ich rudere mal in Booten, in denen ich noch nie oder schon lange nicht mehr saß“. Zuerst sei hier die allseits geteilte Freude über das Comeback von Marc erwähnt, der am Samstag, als wäre nichts gewesen, im Skiff losdüste. Außerdem, endlich, konnte sich Malte im Riemen-2er probieren. Im Vorfeld machten bereits Gerüchte die Runde, dass er sich im Zweifel auch ahnungslose Einheimische ins Boot setzte, wenn sich keiner der TRGlerInnen erbarmen würde. Doch dann fand sich gleich und gleich: Volker, mit einem Steuerbordriemen schon auf die Welt gekommen, zögerte nicht lange und sie ruderten wie selbstverständlich dem Sonnenaufgang entgegen.

Überhaupt, Riemen. Steht ja traditionell bei der TRG (leider) nicht so hoch im Kurs. Und das sollte sich mit diesem Trainingslager ändern. Angetrieben von Teos Enthusiasmus ein schlagkräftiges 8er-Team auf die Beine zu stellen, wurde auch die letzte Spinnwebe aus der London (4-) herausgeprügelt. Exotische Trainingsübungen ließen die jeweiligen Mannschaften über sich ergehen („Wie jetzt mit nur mit ausgestreckten Armen rudern?“, oder: „Eine Hand in der Hüfte, die andere Hand am Riemen – hä?!“) Man wird sehen, zu was das alles gut war. Eins bleibt sicher: Das Stirnrunzeln der SkullerInnen. Und die rebellische Freude der Riemer an ihrem großen Plan.

Die WanderruderInnen jedenfalls ließen die Riemer links liegen und machten sich auf, die Dahme-Seenlandschaft zu erobern: Ein See reihte sich an den nächsten, unterbrochen von schmalen Kanälen entlang idyllischer Gartengrundstücke, in denen sich rudelweise Kajak- und Kanuausflügler oder Wochenendbootsfahrer tummelten, die ihre Freude über von Erblicken von „Dahme“ und „Oder“ auch hier in ein appellartiges „Uuuuuuuund eins … uuuuuund zwei“ verfielen. Kein Unterschied zu Berlin in dieser Hinsicht. Nun ja, die TRGlerInnen nahmen das mal als Kompliment für unfassbar synchron durchs Wasser schnurrende Blätter und antworteten auf bewährte Berliner Art: „Platz da!“ Apropos freundlich: Die Gaststätte auf dem Teupitzer Campingplatz kann nicht nur wegen der leckeren deftigen Speisen, sondern auch aufgrund der ausgesprochenen Freundlichkeit der Bedienung (echt jetzt!) wirklich weiterempfohlen werden.

Und dann war plötzlich schon Montagmorgen. Um 6 Uhr ging’s ein letztes Mal mit den
Booten raus, danach hieß es wieder: Abriggern, Rrrr Rrrrr, Boote auf den Wagen hieven,
festzurren und zurück zur TRG. Dank Romans kompetenter Führung beendete eine große Gruppe TGRlerInnen, die mit dem Fahrrad angereist waren, das Trainingslager mit einem entspannten 20km langen Ausrollen entlang sommerlicher Felder und idyllischer Dorfstraßen bis nach „KW“ (Königs Wusterhausen). Beendete? Nein, Moment, da war noch was, ein vertrautes Geräusch: Rrrrr rrrrrrr. Zurück beim heimatlichen Bootshaus: Anriggern. Sand aus den Rollschienen, Rollen und Stemmbrettern herausputzen, Boote trocknen und wieder in ihren Stall zurückbringen, wo sie dann glücklich einschliefen und vom nächsten Trainingslager träumten.

Von Nadine und Cornelius

 

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