Endspurt, Männer—nur noch 20 Kilometer! EUREGA 2017—ein Erfahrungsbericht.

Ja liebe TRG: Was im Titel nach einem Scherz klingt, den man bei uns kurz nach Antritt einer Kanalumfahrt bringt, ist tatsächlich ein Zitat von der 26. Europäischen Rhein Regatta (EUREGA) 2017.

Volker P. und der Verfasser kamen am 6. Mai 2017 in den ganz speziellen „Genuss“ an dieser Regatta über 100 km Rhein teilzunehmen.

Aber der Reihe nach:…

 

 

Vorbereitung

Die Idee stand schon länger im Raum. Zwei TRGler und drei Ruderer des die EUREGA ausrichtenden Bonner Ruder-Vereins 1882 sollten gemeinsam ein Boot (4er mit Steuermann) durch den Rhein peitschen. Ursprünglich sollte neben Ausdauerkaiser Volker P. auch Rudergott Marc A. (wieder) Teil dieses Teams werden, doch es kam alles anders. Nachdem Marc A. sich bei seinen Trainingseinheiten verletzt hatte (ja, die Gerüchte stimmen, er ringt mit Bären… unter anderem), sprang der schon früh als Reserve akquirierte, bis dato titellose Verfasser in die Bresche. 

Die Vorbereitung (des Verfassers—dass Volker P. für solchen Kinderkram keine Vorbereitung braucht, versteht sich von selbst) bestand unter anderem aus ca. 300 Ergo-Kilometern gemeinsam mit Kickbox- und Ruder-Trainer Thomas A. Ein mieses aber letztlich effektives Training, das uns das erste Quartal 2017 versüßte. 

 

Besonders hilfreich war zudem eine Müggelberge -Umfahrt (ca. 43 km) zehnTage vor dem Wettbewerb (ca. 4:15 Std.). Hier konnten wir im Praxistest sehen, wo der Schuh drückt. Großer Dank gebührt daher unseren Mitstreitern Uschi, Cornelius und Micha!

Anreise, Hotel und Vortag

Das Schöne am Boot-Teilen ist: Wir mussten keines mitbringen. Die Zugfahrt kostet und dauert, aber mit dem Zug sieht man schon mal sein Ruderrevier, das aus der Ferne eigentlich  noch ganz friedlich dahinzufließen scheint…

Einmal in St. Goarshausen (das ist wichtig, fahr nicht nach St. Goar) angekommen, fand sich unser Hotel mit staubigem Charme „Adler“ ohne Probleme. Wer ein Stück verloren geglaubte Bonner Republik sucht, wird sie  hier finden, zusammen mit vielen  chinesischen und koreanischen  Reisegruppen, für die dieser Ort ein absolutes Sehnsuchtsziel zu sein scheint.

Nach Bezug unseres Hotels machten wir uns schon daran, das Boot zu präparieren, das im Schutzhafen von St. Goarshausen unmittelbar unterhalb des Loreleyfelsens lag.

Bei allem, was an den Booten so gemacht wird  (Ausleger abkleben, Bugaufbau, Lenzpumpe usw. usf.) bekommt man als Spreegürkchen erstmals eine Idee von den Naturkräften, die auf dem Rhein das Sagen haben. Kaum hatten wir die Hochseetauglichkeit der Boote so halbwegs verdaut wurden wir im Rahmen des gemeinsamen Nudelessens über die Gefahren des Rheinruderns aufgeklärt.

Was als „Sicherheitseinweisung“ sicher mit den besten Absichten vorgetragen wurde, klang nach den neun Kreisen der Hölle: Stromschnelle hier—Untiefe da—Vorsicht, der Fährkapitän jagt Ruderboote—denkt an die Berufsschifffahrt, die euch mit mannshohen Wellen beglückt—schaut auch mal nach hinten, manchmal sind die Pötte schnell—haltet euch links, dann rechts, vergesst nicht zu kreuzen, aber lasst euch nicht zermalmen—Piraten— Klabautermänner—ach ja und wer bescheißt  wird versenkt…naja so oder so ähnlich lief das.

 

Auch die Fragen der anderen Teilnehmer zu unserer Regattaerfahrung („…und, auch schon mal eine ‚richtige‘ Langstreckenregatta gefahren?“ „Äh…kennst du Fürstenwalde? 8 Kilometer…“ „Süß! Nee, ich mein so ‚richtig‘: Genfer See, 160 Kilometer, 16 Stunden plus…“ „Ach ja, wie nett…“) und Vorbereitung auf den morgigen Tag („…aber nicht weniger als dreimal pro Woche, oder?!“ „Naja…“) bestätigten nochmals, dass wir hier ganz klar die Rolle der Underdogs einnehmen würden. Derartig motiviert ging es zu Bett…

Die Regatta

Nach Frühstück und Gepäckaufgabe ließen wir schon das Boot zu Wasser. Die geplante Startzeit war gegen 9 Uhr, allerdings gab es leichte Verzögerung wegen Nebels.

 

Nicht ganz uninteressant ist vielleicht noch unsere Crew: Lutz, am einfachsten beschrieben als „der Falk“ vom Bonner Ruderverein, Einmeterzweiundneunzig-Stefan aus Hamburg, der früher mal in Bonn ruderte, Enno, auch Bonn, der vor allem im Leistungssport aktiv war und natürlich eure TRG-Helden. 

Im Boot hatten wir ca. 20 Liter Trinkwasser (bzw. Magnesiumplörre), einige Bananen und die üblichen Riegel. Auf eine Lenzpumpe haben wir verzichtet.

Als es dann gegen 9:20 Uhr losging hatten wir wunderbare Konditionen: ca. 23° C, Sonne und kaum Wind. Was dann kam, ist nicht wirklich überraschend: Rudern—Wechsel—Rudern—Wechsel—Rudern… Jede halbe Stunde wechselte der Steuermann, also Ruder halt, drüberklettern und wieder los und zwar schnell! Außer trinken und (bei langen Wechseln, z.B. der 1 oder 2) eine Banane stopfen war nicht viel drin.

Im Schnitt musste man also zwei Stunden rudern, bevor man dreißig Minuten steuern „durfte“. Auf der einen Seite freut man sich auf seine Steuerzeit, immerhin muss man nicht rudern, andererseits ist steuern leider auch nicht immer entspannt und spaßig. Nur sehr ungern will man der Typ sein, der das Boot versenkt hat. Nachdem unsere Lenzklappen ausfielen (und wir auf eine Pumpe verzichtet hatten) waren die Chancen gar nicht mal schlecht. Da die Wellen gerne mal so vom Typ „nicht der Bug, sondern die Eins bricht“ waren hatten wir ziemlich bald eine schöne Badewanne zu ziehen, in der alles munter umherschwamm: Balisto, Hirschtalg, Bananen, Sitzkissen…

Wir sind im Prinzip gut durchgekommen. Die Wellen haben uns Berlinern zu schaffen gemacht, anders als erfahrene Rheinruderer konnten wir da nicht jauchzend durchpeitschen, sondern mussten nach ordentlichen Brechern fast von Null das Boot anschieben, was irgendwann—wirklich—schwer fällt. Ziemlich erstaunlich fand ich, dass die Kiste echt gut stand, Wellen hin oder her. Konditionell und schmerztechnisch hat alles gepasst, denn irgendwann ist man im Ruderdelirium und stellt jegliche Hirn- und Denkaktivität ein, was das Leben an der Stelle sehr erleichtert. Brenzlig war es nur kurz nach dem Start, als der Steuermann uns gegen eine Boje befördert hat und bei einer nicht geplanten, irregulären Pipi-Pause, bei der der Vandalenurinierer uns während eines Wechsels durch seinen plötzlichen Disziplinkollaps fast versenkt hätte.

Irgendwann hieß es „Endspurt, Männer, nur noch 20 Kilometer“ und ja: Das Knäul aus Blasen und Muskelverhärtungen, das ich zu dem Zeitpunkt war, hat sich wirklich sehr darüber gefreut. Und ich glaube, den anderen ging es nicht viel anders.

Die letzten Kilometer haben wir es dann nochmal nach richtigem Rudern aussehen lassen, immerhin wurde man beim Zieleinlauf gefilmt (s. hier: https://www.eurega.org/zieleinlauf-in-bonn-auf-youtube/), und so ganz glauben konnte es keiner, als es nach 5 Stunden und 43 Minuten (13 Minuten über der angepeilten Zeit) vorbei war.

Unsere Alters-/Bootsklasse haben wir damit gewonnen und insgesamt standen wir auch im guten Mittelfeld (der 17 Boote, die die 100 km gefahren sind; die meisten der über 75 Boote kamen erst in Neuwied hinzu und fuhren 45 km). Anlegen gegen die Rheinströmung erforderte den vorletzten Kraftakt, bevor wir uns mühsam aus dem Boot schälten und uns langsam wieder an festen Boden unter den Füßen gewöhnten.

Nachgang

Dann kam noch: Boot reinigen! Kölsch! Siegerehrung! Kölsch! Große Feier mit vielen Sonnenbränden! Kölsch! Rhein in Flammen (s. hier: http://www.rhein-in-flammen.com/)! Kölsch! Kölsch! Schlafen. Ein allgemeines Taubheitsgefühl in allen Gliedmaßen. Ende.

Weitere Infos

Videos vom Zieleinlauf, Ergebnisse, Infos auch zur EUREGA 2018 am 5. Mai 2018 und vieles mehr findest du hier: https://www.eurega.org/

Teo

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Eine Antwort auf Endspurt, Männer—nur noch 20 Kilometer! EUREGA 2017—ein Erfahrungsbericht.

  1. Kerstin sagt:

    Sehr genial! Glückwunsch! Macht Lust da auch mal wieder mitzumachen.

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